Schuhe ausziehen, Ingeborg Ruhte

Schuhe ausziehen, Ingeborg Ruhte, Berliner Zeitung- Magazin, 15./16. Mai 2004
Trauer wird zu politischer Aktion und zu Kunst, die dem Tragischen mit Komik begegnet.

Die blauschwarzen Filzstiftzeichnungen erzählen nüchtern und zugleich spöttisch. Auf sechzig nur notizblockgroßen Blättern schildern sie eine iranische Odyssee durch die Instanzen der Bürokratie. Zettel für Zettel, Strich für Strich wird ein zermürbender Irrgang durchs Labyrinth des Justizapparates anschaulich. Zwei von Kopf bis Fuß verschleierte Frauen spielen die Hauptrollen in der Groteske; sie wollen Auskunft über ihre verschwundenen Angehörigen. Eine der beiden sucht nach den Mördern ihrer Eltern. Sie erhofft sich in den Büros mit den monumentalen Schreibtischen und den schablonenhaften Machthaber-Bildnissen an den Wänden Aufklärung und Bestrafung der Täter, Bürgerrecht eben, das in einem Staatswesen des 21. Jahrhunderts eigentlich Geltung haben müsste.Parastou Forouhar hat diese Zeichnungen vor vielen Monaten unter extrem emotionalem Druck gemacht, solange, bis der Notizblock alle war. Entstanden ist ein nach außen hin so simpler und klarer wie nach innen hin gefühlsgeladener Bericht über das Danach, über die Zeit nach einem entsetzlichen Vorfall, der aber im Land, aus dem die Zeichnerin dieser Bildgeschichte kommt, noch immer tragischer, verzweifelter Alltag ist. Sie fühlt sich den mit Filzstift gezeichneten Frauen ganz nahe und gibt ihnen trotz der schweren, unförmigen Tschador-Hüllen Anmut. Auch wenn die Haltung Angst verrät, Furcht, die demütig macht und klein, wenn es heißt: “Schuhe ausziehen!” Und dann folgt dieses zehrende Warten. Ein schlafender Soldat bewacht die Schuhe. Es ist heiß, die Schuhe fangen an zu stinken, den Wächter stört es nicht.Parastou Forouhar hat sich sozusagen selbst gezeichnet, unterm verhassten Tschador, im Warteraum, bei der Leibesvisitation, beim Ausharren in Amtsstuben, vor Gitterstäben und Schalter-Fenstern, hinter denen sie sich aufklärende Akteneinsicht erhoffte, aber nicht bekam. Die Beamten sahen nicht, was in den Frauen unter dem Schleier vorging, wie sie vor Wut bebten, als der immer gleiche Beamte die immer gleiche, abwiegelnde Ausrede vorbrachte. Es gab keine echte Dokumenteneinsicht. Es gab kein Recht. Der schwere Stoff des Tschadors hat das Aufbegehren niedergedrückt. Parastou Forouhar, die ihre Bildgeschichte vom Schuheausziehen jetzt auf zwei große Stellwände im Potsdamer Einstein-Forum gepinnt hat, spricht fließend und wortreich deutsch und nur leicht akzentuiert. Sie erzählt rasch, nachdrücklich in der Betonung, anschaulich und emotional. Sie war 18, als der Iran-Irak-Krieg begann, und sie hat sich damals freiwillig als Sanitäterin gemeldet. Sie war 28, als sie mit ihren beiden kleinen Söhnen nach Deutschland ging, um – nach der Kunstuniversität Teheran – an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach weiter zu studieren. Sie wollte Kunst machen, die einen politischen, einen sozialen Kern hat. Ein ästhetischer Elfenbeinturm ist ihre Sache nicht. Jetzt ist sie bald 42, sie hat ein kräftiges, offenes Gesicht, die dunklen Haare trägt sie unkompliziert am Hinterkopf hochgesteckt, schwarze Hose, weiße Bluse, kein Geklimper, kein Rouge. Schwerlich kann man sich diese natürliche Frau unter einem Tschador vorstellen. Sie hasst ihn ja auch, aber in der Teheraner Justizbehörde reichte die Bekleidung mit Kopftuch und Kurzmantel, auf der immer mehr Iranerinnen in der Öffentlichkeit bestehen, nicht aus, als sie nach den Mördern ihrer Eltern suchte. Am Abend des 21. November 1998 waren der Anwalt Dariusch Forouhar, enger Freund Ajatollah Chomeinis, einst dessen Arbeitsminister und Parteichef der Iranischen Volkspartei, und seine Ehefrau Parvaneh getötet worden. Ihn fand man am Schreibtisch mit zwölf Messerstichen in Hals, Brust, Bauch. Die Mörder hatten dem Toten das Gesicht verdreht – nach Osten, gen Mekka; seine Frau starb an vierundzwanzig Messerstichen im Bett. Nie wurde wirklich aufgeklärt, wer die Männer waren, die sich am späten Abend unter dem Vorwand Eintritt verschafften, sie seien die Verkehrspolizei. Die Art der Hinrichtung deutete auf den iranischen Geheimdienst; es gibt ein Bekenner-Tonband, auf dem eine Stimme sagt, man habe im Auftrag des Geheimdienstes gehandelt. Später kam es zum Rücktritt des Geheimdienstministers. Mehr gab es nicht, keine Entschuldigung, kein Bedauern. Seither lebt Parastou Forouhar zwei Leben, in Teheran das der Anklägerin, in Frankfurt am Main das der Fotografin und Zeichnerin, die auf die großen Ausstellungen in Europa eingeladen wird, deren Arbeiten wir auf der Berlin Biennale, im Haus der Kulturen der Welt, im Museum Hamburger Bahnhof und jetzt in Potsdam begegneten. Damals, gleich nach dem Tod der Eltern, hat die Künstlerin im Frankfurter Atelier eine Installation gebaut, bestehend aus den Dokumenten der islamischen Bürokratie, aus den Protestschreiben und Rundbriefen der Freunde, der Gefährten und Solidarischen in aller Welt. Später machte sie beißend ironische Fotocollagen: Lebensgroß ist in einem schwarzen Tschador statt des Kopfes der Frau eine Männerglatze mit grauen Stoppelhaaren zu sehen. Die Fotografin vervielfältigte das kühne Motiv zu einer langen Reihe. Diese sollte 2002 in der Teheraner Galerie Golestan gezeigt werden. Es kam ein Anruf – eine wüste Drohung, daraufhin stellte Parastou Forouhar lediglich die leeren Rahmen aus, eine Kunst-Demonstration, zu deren Beginn Hunderte kamen. Und die nicht gezeigten Collagen waren restlos verkauft.Seit fünf Jahren fliegt die Tochter des ermordeten Oppositionellen-Paares Forouhar immer kurz vor dem 21. November nach Teheran und begeht dort den Todestag der Eltern im Haus Hedayard-Straße 22 mit einer Trauerfeier. Sie selbst und die Freunde und Gefährten der Opfer wissen, dass draußen die Geheimpolizei lauert. Aber der Trotz ist stärker als die Angst. Sie sitzen dann bis zur Abenddämmerung im entseelten Haus, reden mit gedämpften Stimmen; überall stehen Blumen, brennen Kerzen. Vor zwei Jahren ist die Gedenkfeier beinahe schlimm ausgegangen. Die Trauernden, darunter viele Studenten, waren auf die Straße gegangen, Hesbollah-Männer griffen den Zug an, mit Tränengas und Schlagstöcken. “Wir liefen um unser Leben”, erzählt Parastou Forouhar. Tage später, sie wollte nach Frankfurt zurück, nahm ihr die Flughafenpolizei den Pass weg. Nach entnervenden Tagen auf Ämtern durfte sie ausreisen, aber die Warnung war deutlich. Letzten November ist sie wieder nach Teheran geflogen; endlich einmal gab es keinen Zwischenfall. Doch um keinen Preis würde sie ihre beiden nun fast erwachsenen Söhne mitnehmen ins Land der toten Großeltern. “Meine Furcht ist schon krankhaft”, gesteht sie. “Um mich sorge ich mich inzwischen nicht mehr, ich fühle mich stark, aber die Jungen sind meine schwache Stelle. Die Angst um sie macht mich erpressbar.”Das beste Mittel gegen die Angst, setzt sie hinzu, sei die Kunst: “Weil ich die Ohnmacht bekämpfen kann, indem ich lächerlich mache, was einschüchtert und unüberwindlich scheint.” Wie fast alle Kunst religiöser Tradition, erklärt sie, sei die iranische traditionell eine Kunst der Allegorie. “Daher ist es nur konsequent, wenn der politische Kampf gegen die religiöse Deutungshoheit ästhetisch als Kampf gegen die Allegorie erscheint.” Aus diesem Grund arbeitet sie unübersehbar mit den Mitteln der westlichen Konzeptkunst. Sie selbst hat kein Problem damit, wenn es dann bei der Kritik zu ihren europäischen Ausstellungen heißt, mit der konzeptionellen Art werde die iranische Kunst am Ende der westlichen gleich. Mit anderen Worten: wenn eines Tages der Schleier falle, wäre an dieser Kunst nichts mehr iranisch. Längst lebt ein großer Teil der wichtigsten iranischen Gegenwartskünstler in Europa und Amerika im Exil, auch wenn die meisten mittlerweile ihre Heimat wieder besuchen können. Gleichwohl verharmlost keiner von ihnen das Regime, schon gar nicht Parastou Forouhar. Für den Roman ihres Landsmannes Kader Abdolah: “Die geheime Schrift. Die Notizen des Agha Akbar”, letztes Jahr in Deutschland erschienen, lieferte die Künstlerin die Collagen “Trauerfeier” – Schonbezüge für Bürostühle. Sie bestehen aus schiitischen Gebetstüchern, in deren Texten dem Märtyrer Imam Hussein gehuldigt wird. Das Ganze ist ein Gleichnis für die archaisch-moderne Zwitterkultur und den staatlichen Terror, der im Iran noch immer herrscht.Bei den großen deutschen Aufklärern habe es geheißen, Kunst müsse dem Schönen und dem Guten dienen. Das tue die ihre auch, sagt Parastou Forouhar mit Nachdruck. Die Gesichter der Frauen im Tschador sind weiße Ovale über den harten schwarzen Silhouetten der Körper, “blinde Flecken”. Für die Künstlerin ist das mehr als ein stilistisches Mittel, darin drückt sie die Manifestationen eines sterilen, erbarmungslosen, machtgierigen, zynischen Systems aus. Sie will, dass die Betrachter intensive Zwiesprache halten mit diesen leeren Gesichtern in einem feindlichen Raum.Aber nicht nur die bittstellenden Frauen, auch die Beamten und die großmächtigen Mullahs auf den Wandbildern haben keine Gesichter. Wieso? Parastou Forouhar sagt: “Ganz einfach, die Menschen in einem solchen System haben keine Individualität mehr, nicht die Opfer und nicht die Täter. Alle sind einem Regelwerk unterworfen, das die Individualität verbietet, beim Betreten eines Verwaltungsraumes der Justiz oder Polizei muss man die Schuhe ausziehen, man wird abgetastet, man ist verdächtig, man wird aufgerufen. Man ist kein Mensch, sondern eine Nummer. Und hält man die Regel nicht ein, wird es gefährlich.” Es gehe ihr, fügt sie hinzu, “um das absurde Ineinandergreifen des modernen iranischen Verwaltungsapparates und des religiös motivierten Fundamentalismus Mercedes fahrender Mullahs, um die Ambivalenz von Tragik und Gefahr, von Ohnmacht und Lächerlichkeit. “Das ist eine Form meiner Abrechnung.” Und dann ist da noch eine neue Situation, mit der sie fertig werden muss in ihrem Leben in zwei Welten, einer “freien” und einer “unfreien”. In ihre westliche “freie” Welt ist der Terrorismus eingedrungen. Sie flog kürzlich zu einer Menschenrechtskonferenz in die USA und musste eine entnervende Tortur über sich ergehen lassen: Sie wurde in Washington wegen ihres iranischen Passes aus der Reihe der Passagiere geholt, man befahl ihr mehrmals, Kleidung und Schuhe auszuziehen, ihr wurden die Daumenabdrücke genommen, sie wurde verhört, es dauerte viele Stunden, bis sie ihre Papiere zurückbekam. “Ich fühlte mich stigmatisiert als Mensch aus einem Land, das zur Achse des Bösen gehört.” Es half ihr nichts, im Westen eine anerkannte oppositionelle Exil-Künstlerin zu sein. “Dort, vor dem Schalter für die Einreise in die USA, wurde mir klar, dass ich mit diesem Pass nicht dazugehören soll. Ich bin weggegangen, aber man lässt mich nicht ankommen.”
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