Die subtile Penetranz des Erinnerns

Die subtile Penetranz des Erinnerns, Karin Görneraus dem Katalog RÖMISCHE PERSPEKTIVEN, Altana Kulturstiftung, 2007

Schwarze Wollfäden streichen über das Gesicht, legen sich auf den Mantel, haften einen Moment und fallen wieder beiseite beim Weitergehen. In der Menge der Fäden denke ich an das Wort ‚umgarnen’. Die Fäden sind an Luftballons geknotet, die meterhoch unter der Atelierdecke schweben. Ich ziehe einen zu mir herunter: Auf den weißgrundigen Ballon sind in einem zarten Pinkton mit schwarzen Konturen Figurengruppen aufgedruckt. Ihre ornamentale Choreografie legt die Anmutung eines Tanzes, vielleicht sogar von erotischen Spielen nahe. Erst beim zweiten Hinsehen erkenne ich die Szenen als Darstellungen von Folterungen.
Parastou Forouhar hat die Installation „Ich ergebe mich“ während ihres Stipendienaufenthaltes 2006 in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom entwickelt und zum ersten Mal präsentiert. 

Der Raum, den die Künstlerin in dieser Installation öffnet, vermittelt wie viele ihrer Arbeiten unerwartete, angenehme und ungeliebte Wahrnehmungen: An einem Ende des Fadens tauchen Erinnerungen an Kinderfreuden auf – vielleicht an vergnügte Nachmittage auf der Kirmes mit Zuckerwatte und Karussellfahrten. An dem gleichen und doch einem anderen Ende sieht man sich mit gesichtslosem Schrecken konfrontiert, in Gestalt archaisch erscheinender Folterknechte und deren Opfern.
Wie geht das zusammen? Die subtile Penetranz dieser Arbeit macht es den Betrachtern fast unmöglich, nicht zu reagieren. Es ist eine wichtige, wenn nicht die wesentliche Erwartung an Kunstwerke, Erfahrungen, Denkweisen, Einsichten, Zusammenhänge neu erlebbar zu machen. Dazu braucht es den Prozess des Eindringens, des Störens und Irritierens, es braucht eine emotionale Reaktion am Körper des/der Betrachtenden. Forouhars Installation verführt zu dieser Reaktion, sie unterläuft jeden Widerstand durch umgarnende Intimität.

Ich möchte meine Fragen an die Luftballons von Parastou Forouhar auf das „Dazwischen“ konzentrieren, auf den Raum, den die wie Pole einander gegenüberstehenden Bilder des Süßen und des Entsetzlichen eröffnen. Mit den Luftballons als eingängige Metapher für das Spielerische, das kindlich Leichte und Luftige, für das Schweben und Fliegen bietet die Installation auch im psychologischen Sinn einen Raum an, in dem eine Situation zwischen Vertrautem und Verunsicherndem hergestellt wird als auch erprobt und ausgehalten werden kann. Es ist ein Raum, der Erinnerungs- und Trauerarbeit darstellt und aktiv ermöglicht: Die kindliche Neugier wird konfrontiert mit dem Schrecken, dem Schock, der Verzweiflung – in den Bildern der je eigenen Biografie. Die Bilder der Folter, mit denen sich die Künstlerin immer wieder auseinandersetzt, stehen im realen politischen Kontext des fundamentalistischen Mullah-Regimes im Iran und dem nach wie vor nicht aufgeklärten politischen Mord an ihren Eltern, Parwaneh und Dariush Forouhar.

Den sehr persönlich formulierten Titel „Ich ergebe mich“ sehe ich in diesem Zusammenhang als einen weiteren Hinweis auf das, was riskiert wird: Den Widerstand aufzugeben und sich zu erinnern, heißt, das Vertrauen in die sichere Situation des Kindseins auf die Probe zu stellen. Wird es ausreichen, um der Erfahrung von Heimatlosigkeit, von Verlorensein und von Ohnmacht zu entfliehen? Dem etwas entgegensetzen zu können?
Die Kraft dieser Arbeit sehe ich in dem Offenhalten des „Dazwischen“: Man kann mit so einem Luftballon in der Hand umhergehen. Man kann sich an den Farben, am Glitzern, an ihrer Bewegung im Raum, an ihrer Schönheit freuen. Man kann die Folterbilder heranholen und man kann sie sich wieder etwas entfernen lassen – vielleicht mit dem Wunsch versehen, sie ganz wegfliegen zu lassen. Im Gegensatz zu steinernen Monumenten können Luftballons fliegen. Sie sind eine neue, flüchtige Form des Denkmals an die Opfer von Gewalt, die im Unterschied zu steinernen Monumenten die Härte der Gegner nicht in sich trägt. In den Strategien des Spielerischen, die Parastou Forouhar in ihrer künstlerischen Arbeit verwendet, liegen zugleich die Ressourcen zur Sorge um sich selbst und um die Anderen.
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