Tausendundein Tag, Hermann Pfuetze

Tausendundein Tag, Hermann PfuetzeKunstforum 166, 2003
Ausstellung “Tausendundein Tag” in Hamburger Bahnhof, Berlin, 10.5. – 29.6.2003

Wenn man die Ausstellung betritt, ziehen zunächst halblaute, angenehme Stimmen aus einem Monitor die Aufmerksamkeit auf sich, und dann der Film selbst, ein Behörden-Comic in schwarz-weiß. Es ist ein Endlos-Video aus mehreren Episoden, der Film kann an jeder Stelle beginnen und enden, wie der Behördenalltag selbst. Hier einige Ausschnitte:
Frauenstimme: “Ich soll den Brief hier abgeben”.
Männerstimme: “Heute geschlossen. Sie dürfen sich hier nicht aufhalten.”
Sie: “Ich komme morgen wieder”.
Er: “Setzen Sie sich wie alle anderen”.
Sie: “Er hat uns gesehen. Jemand ist hinter dem Baum.”
Er: “Sind diese beiden Frauen immer noch da ?”
Sie: “Sie schicken immer denselben.”
Er: “Gehen Sie erst zur Durchsuchungskabine. Schuhe ausziehen.”
Sie: “Die Schuhe stinken doch.”
Er: “Gerade sitzen.”
Sie: “… wie hält er diesen Geruch aus ?”.
Er: “Gnädige Frau. Sie warten umsonst.”
Sie: “Meinst du, er ist auch ein Spitzel?”
Er: “Im Namen Gottes, die Sitzung ist eröffnet.  Hier sind ihre beantragten Dokumente. Sie dürfen sie lesen, aber nicht mitnehmen.”
Die deutschen Synchron-Stimmen passen zum Text, als ob sie Kafka lesen würden. Aber es sind Szenen aus dem Ayatollah-Regime im Iran, und manches ist wie in allen Behörden: das Desinteresse und der Hochmut der Beamten, ihre Unterwerfungserwartungen, die Amts- und Männerattribute – hier die islamische Variante mit Turban, Bart, Kettchen und Staatswimpel auf dem Tisch. Etwas ist jedoch anders und bringt einen heiteren Ton hinein, nämlich die Beharrlichkeit der Bittstellerin, ihre Spur von Widerstand und Unvereinbarkeit mit diesem System.

Parastou Forouhar hat hier eigene Erfahrungen verarbeitet. Der Film “Schuhe ausziehen” ist nicht nur ein Behörden-Comic, sondern auch ein zeichnerischer Essay zum Begehren der Tochter auf Akteneinsicht über die Ermordung ihrer Eltern am 22. November 1998, während einer Welle politischer Morde im Iran. Die Eltern Parastou Forouhars waren prominente Oppositionspolitiker, sie wurden in ihrem Haus in Teheran überfallen und erstochen. Im Februar 2001 wurden zwar drei der Täter zum Tod verurteilt, aber die Ermittlungen und der Prozeß waren darauf angelegt, den politischen Charakter des Verbrechens zu leugnen und zu vertuschen. Zum  Gedenken 2002, am vierten Jahrestag der Morde, versammelten sich dennoch mehrere tausend Menschen, trotz massiver Polizei- und Spitzelpräsenz. Die ganze Geschichte wird in einer Installation dokumentiert. Die weltweite Empörung, die Berichterstattung in Deutschland, Parastou Forouhars Schriftwechsel mit iranischen und deutschen Behörden können nicht nur gelesen, sondern auch mitgenommen werden. Von allen Dokumenten liegen lose Exemplare aus, die die Besucher auf einem Kopiergerät vervielfältigen und mitnehmen können. Das ist sozusagen das interaktive Element dieser Ästhetik des Widerstands.

Denn das ist diese Ausstellung im Peter Weiss’schen Wortsinn. Parastou Forouhar lebt und arbeitet seit 1991 in Deutschland und macht das, was die Mullahs und ihre Schergen am meisten fürchten: nämlich freie Kunst und freie Rede mit der Heiterkeit, dem Schmerz und der Fülle des Ausdrucks der Entkommenen, die sich nicht einschüchtern lassen und nicht schweigen. Die Ästhetik des Widerstands offenbart sich Iranern mehr noch als Europäern, denn Parastou Forouhar benutzt “die erstickende Welt der Muster und der ornamentalen Ordnung” (Katalog, S.56) gegen die Tradition. Ihre Menschen-zeichnungen haben keine Gesichter und machen so die grausame, asoziale Seite des islamischen Abbildverbots kenntlich: Der einzelne Mensch hat kein Gesicht, sondern ist austauschbare Figur; niemand soll jemand erkennen.

Das wird erschreckend deutlich an der Foltertapete, die Parastou Forouhar für diese Ausstellung gezeichnet hat. Auf etwa zehn mal drei Metern ist eine große Wand mit einem Ornament kleiner Menschengruppen in rosa, schwarz und braun auf weißem Grund tapeziert, die traditionelle, sozusagen handwerklich-vorwissenschaftliche Foltermethoden darstellen. In miniaturmalerischer Manier sind die Figuren ohne Gesichter wie Gelenkpuppen oder Animationsentwürfe gezeichnet. Den Opfern sind stets die Augen verbunden, die Folterer sind breitbeinig und muskulös. Die Figuren sind rosa, die Hilfsmittel – Fesseln, Peitschen, Steine, Augenbinden, Pfähle, auch die Haare der Frauen – schwarz, und das Blut ist braun ausgemalt. Mit dem Kunstgriff des Ornaments, unterschiedlichste Dinge gleichförmig zu harmonisieren, zeigt die Künstlerin die Brutalität eines Systems, das die Gesellschaft dem Muster der Gewaltförmigkeit unterwirft: Jeder kann gequält werden, jeder kann quälen, das ist die ‘Harmonie’ eines Gottesstaats, der das Martyrium als höchste Instanz anbetet.

Sinnfällig wird das auch an der Installation “Trauerfeier“, einem Dutzend Bürostühle, die mit kalligrafisch beschrifteten, Gebetsteppichen ähnlichen Stoffbezügen verhüllt sind. Die Farbkontraste und die Ornamentik der persischen Schrift sind von ästhetischer Raffinesse für die, die sie nicht lesen können. Über den Inhalt aufgeklärt, sieht man es jedoch anders: Der Text ist eine blutrünstige Totenklage um den schiitischen Märtyrer Imam Hossein, auf  Bürostühle gespannt. Bei uns wäre das etwa so, wie wenn schreckliche und gewaltsame Passagen aus der Offenbarung des Johannnes die Büros christlicher Minister schmücken würden.
Im Gegensatz zu den Fotografien Shirin Neshats, die die persisch-arabische Ornamentik exotisch verharmlosen und mit islamistischer Gewalt erotisch kokettieren, rührt Parastou Forouhars Werk an den Verstand und an die Gefahr, ihn im Gottesstaat zu verlieren.

Die Großportraits der Ayatollahs und der sog. Märtyrer sind die einzigen, immergleichen öffentlichen Gesichter. In der Serie “Vor-Wand-Bilder”, die als Diaprojektion im Großformat läuft, zeigt Parastou Forouhar solche Portraits, die das Straßenbild Teherans beherrschen. Sie sind riesig, einige bedecken über viele Etagen die Fassaden hoher Neubauten. Einen besonders ironischen Fall von Bilderverbot dokumentiert das Foto mit dem Abbild des ersten Imams Ali, des Gründers der Shiiten. Ihm fällt ein mehrstufiger Wasserfall von der Stirn über Gesicht und Bart, um nach einer Staustufe wie der Niagarafall in die Tiefe zu stürzen. Von hinten überstrahlt ihn ein gelber Heiligenschein, während vorne Autos sich stauen, die Ampel auf rot steht und ein Verkehrsschild rechtsabbiegen verbietet.  

Auch V.S. Naipaul, dem Literaturnobelpreisträger 2002, war während seiner “islamischen Reise” durch den Iran 1979  die “Gesichtslosigkeit” als zentrales “islamisches Motiv” aufgefallen: sowohl auf den unzähligen Revolutionsplakaten, auf denen unter den finsteren Blicken des Rächers und Erlösers Khomeini nur Schemen und Figürchen sich ducken, als auch bei Behördenbesuchen die verschlossene, furchtsame und abgewandte Mimik der Leute. Parastou Forouhar hat mit Naipaul einen künstlerischen Wahlverwandten und falls es auf  künftigen Biennalen in Venedig einmal einen iranischen Pavillon geben wird, wäre ihr Werk dort wünschenswert.
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